Menschen werden Menschen sein

Liebe Kordei,

Tut mir leid, dass ich so lange weg war, Seminare und Arbeit haben mich beschäftigt. Ich vermisse Ghana…. da habe ich es gesagt. Ich vermisse das Scherzen beim Verhandeln um den Preis einer Ware, ich vermisse die Trotros1 nicht so sehr, aber ich vermisse definitiv einige der Plänkeleien über Tarife und Sitzplätze. Ich vermisse es, auf dem Markt zu gehen und dann eine zufällige Person sagen zu hören “Obaa wo y3 kama“2 oder “Tumtum Ahuofe“3, das allein kann einem jeden Tag erhellen.  Ich vermisse es, Fanice4 an einem heißen Tag zu essen und Kenkey5 zum Frühstück zu haben. Ich vermisse die Art und Weise, wie die meisten Ghanaer schnell den Problemen des anderen zuhören und Lösungen anbieten. Ich vermisse es, dass wir uns manchmal einfach nicht um unsere eigenen Angelegenheiten kümmern können.  Ich vermisse die Tatsache, dass fast alles repariert werden kann und ich keine neuen Dinge kaufen muss. Ich vermisse die Menschen und die Gastfreundschaft. Ghana hat auch seine Schattenseiten, aber in diesem Brief geht es um Deutschland und nicht um Ghana.

Diese Erfahrungen, die ich gleich mit dir teilen werde, haben diese Frage in meinem Kopf aufgeworfen. Bilden Menschen ein System oder macht ein System die Menschen? Ein Denkanstoß für dich. Kordei, ich weiß nicht einmal, warum wir versuchen, einander zu diskriminieren, wir sind doch alle eins. Derselbe Gott hat uns alle erschaffen, wir leben nur in verschiedenen Kulturen und Einflüssen. Man sollte meinen, dass es einem Land, das über eine ständige Wasserversorgung und eine Vielzahl von Reinigungsmitteln verfügt, keine unhygienischen Menschen mangelt, aber nein. Hygiene ist wirklich eine persönliche Sache. Es dämmert dir gerade, dass wir alle gleich sind.

Wo es reiche Menschen gibt, gibt es auch arme Menschen. Wo Verstand ist, existiert auch Verrücktheit. So wie es angenehme Menschen gibt, so gibt es auch die unangenehmen. Im Sommer nahm ich nicht gerne den Bus und die Straßenbahn. Warum? Weil es dort komische Gerüche gab, einige verschwitzte Leute und ich schätze, einige Menschen, die baden, indem sie nur ihr Gesicht und ihre Achseln waschen.

Das ist ähnlich zu einem heißen Tag in Accra, wenn du das Pech hast bist, in der Nähe einiger der Trotro-Mates zu sitzen6. Du verlässt das Trotro vielleichtmit Falten, wegen all der eigenen Grimassen. Ich habe aber auch einige getroffen, die wirklich gute Hygienepraktiken haben.

Ich hatte eine Erfahrung mit einem Perversen im Bus, aber das muss ich dir persönlich sagen. Menschen werden Menschen sein! Ich weiß, dass die meisten Menschen in Ghana sagen, dass Krankenschwestern unhöflich sind, aber ich hatte das Glück, die Lieben zu treffen. In Deutschland habe ich die unhöflichen getroffen. Da ich hier krankenversichert bin, habe ich mich entschieden, mich untersuchen zu lassen. Ich war bereits bei einem Allgemeinmediziner, so dass der nächste Arzt ein Gynäkologe war. Mein Koordinator half mir, indem er mir eine Liste derjenigen in meiner Nähe gab. Anscheinend sind Gynäkologen hier beliebt wie heiße Semmel, sie sind beschäftigt und mehr gebucht als ein Verkäufer, der versucht, sein Verkaufsziel an einem Stichtag zu erreichen.

Jeder Mensch hat eine Grenze der Belastbarkeit. Ich hatte für einige Zeit hatte etwas Heimweh. Mein Deutsch hat sich im Laufe der Monate verbessert. In der ersten Praxis, gleich nachdem ich die Krankenschwester um einen Termin gebeten hatte, sagte sie mir schnell, dass sie für das Jahr ausgebucht sind, bis ins nächste Jahr. Ich fragte sie, ob sie einen anderen Arzt kenne, aber ich beendete nicht einmal meine Frage und sie sagte nein. Gegenüber von diesem Arzt war eine weitere Praxis, ich ging hinein und diese zweite Krankenschwester war noch schlimmer. Sie ließ mich nicht einmal grüßen und sagte, dass sie keine Termine hätten. Ich sagte dann: okay, ich bin bereit, für das nächste Jahr einen Termin zu vereinbaren und sie sagte immer noch nein. Sie wollte mir nicht einmal zuhören. Ich dachte, mein Deutsch sei so schlecht, also versuchte ich sie zu fragen, ob sie Englisch sprechen könne und ihr Nein war stärker denn je. Als ich danach auf den Parkplatz kam, fing ich einfach an zu weinen. So richtig hässliches Weinen à la Annalise Keating. Ich beschloss, die Gynäkologie-Termine aufzugeben und habe dann einen Zahnarzt aufgesucht. Gott sei Dank habe ich eine süße, herzliche und gastfreundliche Zahnarztpraxis (Besters & Partner) in der Vahr gefunden. Die Krankenschwester konnte zwar kein Englisch sprechen, war aber geduldig mit mir. Als ich nach einem Gynäkologen in der Nähe fragte, fragte sie höflich nach dem schrecklichen Ort, den ich vorhin besucht hatte. Ich sagte ihr, sie seien alle ausgebucht. Dann sagte sie mir, dass sie sonst von keinen  wusste. Wie süß von ihr.

Andererseits werden Menschen immer Menschen sein. Am selben Tag, an dem ich unhöfliche Krankenschwestern traf, traf ich auch eine herzliche. Gleichzeitig kann jemand zu dir im Bus unangebracht sein, und auf der anderen Seite bietet dir jemand einen Sitzplatz an, weil du grade viele Dinge mit dir trägst. Ich bewundere es wirklich, wie die jungen Menschen den Senioren in Bus und der Straßenbahn ihre Plätze anbieten.

Oh ja, eine neue gynäkologische Praxis hat vor kurzen nahe bei der Arbeit eröffnet, also habe ich bereits einen Termin für dieses Jahr gebucht. Und oh ja. Die Krankenschwestern dort waren sehr nett, so dass ich meine vorige missliche Lage fast vergessen hätte. Sie waren so geduldig, eine von ihnen verstand kein Englisch und war geduldig mit mir, als ich mein Handy benutzt ahbe, um zu übersetzen und mit ihr zu sprechen.

Es ist interessant, wie wir schnell kommentieren: „Das kann im Ausland nie passieren“. Einige Dinge können nie passieren und das ist wahr. Aber wenn es um menschliches Verhalten geht, sind wir uns alle viel ähnlicher, als du denkst.

Kordei, das heißt, wir sind alle eins. Wir denken, wir weinen, wir lachen, wir fühlen. Wir sind eins, also warum der Hass? Das bringt mich auf die Frage: Machen Menschen ein System oder macht das System die Menschen?

Ich wünsche dir eine schöne Woche!

Dein Borga,

Ems.

Lexika

1.            Trotro – ein Kleinbus, der normalerweise überfüllt ist und ein gängiges Verkehrsmittel ist.

2.            Obaa wo y3 kama –  Übersetzung aus der Sprache Twi aus Ghana für „Du bist so eine nette Dame“.

3.            Tumtum Ahuofe – Twi für „schwarze Schönheit“

4.            Fan-Vanille-Eiscreme, die in einem kleinen Beutel verkauft wird.

5.            Kenkey – gekochter fermentierter Mais in Maisschalen gewickelt

6.            Trotro mate – Unterstützen die Trotro-Fahrer, indem sie die Fahrpreise von den Fahrgästen einholen.

7.            Annalise Keating – Charakter gespielt von Viola Davis in “How to get away with murder“‘.

Haarprobleme

Liebe Naa,

Es tut mir so leid, dass du Stunden damit verbringen musstest, deine Haare zu machen. Außerdem konntest du wegen der Kopfschmerzen einfach nicht gut schlafen. Haarprobleme von schwarzen Frauen sind real. Weißt du, nachdem ich über ein Jahr lang kurze Haare hatte, wurde die Perücke wie ein Ex, den man nie wiedersehen will. Perücken sind jetzt nur noch eine gelegentliche Angelegenheit für mich. Warum fühlen sich viele Frauen nicht wohl, wenn sie nur mit dem Afro herumlaufen? Ich meine, wasch dir einfach die Haare und geh. Ich sehe „wash and go“-Tutorials auf YouTube und die verwendeten Produkte sind definitiv nicht „wash and go“. Ich denke, jede Art von Haar hat ihre Probleme.

Ich dachte ehrlich, unsere europäischen Schwestern wachen einfach auf und legen los, aber nein, so ist es nicht. Es hängt alles von ihrem Haartyp ab. Kannst du glauben, dass einige ihre Haare jeden oder jeden zweiten Tag waschen müssen? Ich weiß nicht, was du denkst, aber das klingt für mich nach viel Arbeit. Es sieht so aus, als ob es den Kampf mit dem Haar überall gibt. Es ist nur traurig, dass Schönheit im Laufe der Jahre durch seidiges, langes Haar und helle Haut definiert wurde. Aber Gott sei Dank verändert sich diese Wahrnehmung allmählich. Wir sind alle schön, egal ob dein Haar kraus, glatt, lockig usw. ist. Egal welche Hautfarbe du hast, du bist wunderschön.

Ich fange an, es zu schätzen, öfter mit meinem natürlichen Haar herumzulaufen. Aufgrund der Vielseitigkeit der Frisuren, die wir machen, fällt es einigen Menschen schwer zu verstehen, wie das schwarze Haar funktioniert und sie kämpfen immer damit, uns zu erkennen, sobald wir unsere Frisur wechseln. Das alles geschah auf dem Seminar, als eine Frau mein Haar bewunderte und fragte, wie ich es dazu brachte, so auszusehen. Wohlgemerkt, ich hatte geflochtene Zöpfe. Sobald ich ihr sagte, dass ich Haarverlängerungen eingeflochten habe, war sie erstaunt. Sie konnte nicht begreifen, wie ich es geschafft hatte, zusätzliche Haare hinzuzufügen, und es so sehr nach meinem aussah. Ich lachte nur und beließ es dabei.

 Foto: Braids – geflochtene Zöpfe

Was das Gespräch über Haare in Gang brachte, war folgendes: Stell dir vor, du hättest keine Ahnung von der Natur schwarzer Haare. Du hast am Abend zuvor jemanden mit Pixie Haarschnitt gesehen. Am nächsten Morgen wachst du auf und hier ist dieselbe Person, die jetzt mit langen Haaren herumläuft. Ich bin sicher, du wirst dich über das Erfolgsgeheimnis dieses nächtlichen Haarwachstums wundern. Das ist passiert, als meine Kollegin aus Ghana beschloss, ihre Perücke mit Pixie Haarschnitt abzunehmen, ihr Haar zu waschen und in ihrem langen Naturhaar zu erscheinen. Diesmal waren es die Jungs, die schockiert waren. Sie fragten sich, wie sie das geschafft hat. So viele Fragen. Wir haben sie einfach hingesetzt, einen Mini-Vortrag
gehalten und mussten auch über das schonende Styling sprechen.


Foto: Perücke im Pixie Haarschnitt

Foto: Langes Naturhaar

Es kam zu dem Punkt, dass ich es satt hatte, es zu erklären. Einmal erschien ich bei einem Treffen mit einem „Top-Bun“ (ein hochsitzender Zopf). Eine Frau rief gerade heraus: „Oh, du hast dir die Haare geschnitten!“. Ich lächelte nur und sagte ja, weil ich nicht in der Stimmung war, einen Vortrag zu halten.

Hier ist noch eine Sache: Ich liebe „Top Buns’’, weil sie schnell und einfach zu machen sind, bevor ich das Haus verlasse, also gehe ich oft mit ihnen aus. Eines schönen Morgens hatte ich meine Sheabutter und etwas Wasser für die Haare verwendet. Und weil ich es eilig hatte, habe ich es nicht gut verteilt, so dass es einige weiße Flecken im Haar gab. Ich kam an und eine Frau fragte, was in meinem Haar sei. Ich sagte ihr, es sei Sheabutter und Wasser. Die nächste Frage war: „Ist es das, was deine Haare hochhält?“ LOL, dieses 4C schwarze Haar1 ist magisch, meine Liebe, es trotzt der Schwerkraft.

Foto: Top Bun

Nun, es ist ziemlich teuer, sich hier die Haare machen zu lassen. Also sei bereit, Geld auszugeben oder deine eigene Friseurin zu werden. Wenn du Pläne für einen Umzug hast, geh bitte und mache für einige Zeit eine Ausbildung bei deinem örtlichen Friseur. Es wird sich als nützlich erweisen, vertrau mir.

Afrikanisches Haar ist schön. Seine engen, krausen Locken, sein Volumen und seine Farbe sind einzigartig. Wir heben uns ab und müssen uns das zu eigen machen. Wahrscheinlich sage ich das, weil mein Haar eine gut kontrollierbare Länge hat.

Meine liebe Freundin, ich habe hier einen Friseur besucht, aber das ist eine andere Geschichte für einen weiteren Brief. Genieße deine Zöpfe und auch den manchmal langsamen Service unserer lieben Friseure. Passt auf dich auf und hab eine schöne Woche.

Mit viel Liebe,

Ems.

Lexica

  1. 4C Haar: Das ist der Name, der verwendet wird, um die Textur eines bestimmten Afro-Haartyps zu beschreiben. Es hat extrem enge Locken und Spulen.

Essenschroniken I

Liebe Kordei,

Hmm… ich weiß nicht, wie ich diesen Brief beginnen soll. Du weißt, wie sehr ich Essen liebe und wie gerne ich neue Dinge ausprobiere, aber, meine Schwester, ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn ich bei einer Gastfamilie untergekommen wäre. Wahrscheinlich hätte ich etwas deutsche Küche kennengelernt, aber die Sachen, die ich bisher probiert habe …hmm.

Ich bin eine Frühstücksperson, also liebe ich das Brot. Diverse Geschmacksrichtungen und Sorten, und ich liebe Marmelade, Wurst und Speck. Frühstückstreffen sind mein Favorit, ganz egal welche Auswahl es gibt. Ich werde definitiv etwas bekommen, das ich mag. Das Einzige, was ich manchmal nicht wirklich mag, ist, wenn das Fleisch kalt und nicht gekocht ist. Also bleibe ich normalerweise bei Butter, Marmelade, Salat, Obst und Eiern.

Zum Mittagessen gibt es in der Regel eine warme Mahlzeit. Das erste Seminar war eine gute Gelegenheit für mich, um alles zu probieren. Ich mochte den Geschmack von manchem nicht, also habe ich auch gar nicht nach dem Namen gefragt. Das Essen, das mir am besten geschmeckt hat, war Kartoffelauflauf und Schnitzel. Ich habe nichts dagegen, das noch einmal zu essen. Ich liebe es auch, wie sie ihren Kartoffelsalat und die Barbecues zubereiten. Aber genug von dem Vortrag über die deutschen Gerichte, die ich liebe, sonst denkst du noch, dass hier alles rosig ist. Denn, mein liebes Mädchen, all diese Dinge haben keine Würze! Noch einmal stelle ich hier meine Frage: “Wer lebt so?“ Manchmal bin ich mir sicher, dass am Essen nicht einmal eine Prise Salz ist. Wie meine Tante Akpene sagen würde: „Gib viel schwarzen Pfeffer darauf und es wird dir gut gehen“. Also sind an den Tischen die Salz- und Pfefferstreuer meine Freunde.

Ich erzähle dir von einer Erfahrung, die ich kürzlich gemacht habe: Ich war in der Stadt und ich hatte großen Hunger. Ich sah einen Imbissstand und drinnen sah ich Brot und etwas, das aussah wie ein frittierter Fisch. Es war Fisch, der in Brotkrumen gebraten wurde. Ich wusste definitiv, dass mir der Geschmack zu fad sein würde. Worauf ich mental nicht vorbereitet war, war die Kälte. Und wenn ich kalt sage, meine ich kalt wie kaltes Wasser aus einem Kühlschrank. Ich war so enttäuscht und traurig. Ich meine, ich habe den Mangel an Gewürzen verziehen, aber kalt!! KALT!!! Ich war so frustriert, dass ich es in den nächsten Abfalleimer geworfen habe, bevor mir klar wurde, dass es falsch ist, Essen wegzuwerfen. Ich hätte es mit nach Hause nehmen und erhitzen können. Ich fand ein Café, trank Kaffee und ging dann nach Hause, um als Krönung Jollof-Reis und Hähnchenflügel zu essen.

Ein weiteres Essenserlebnis war ein Abendessen, zu dem ich ging, meine Schwester, und nichts schmeckte gut. Ich kam traurig nach Hause, es war spät und ich wollte nichts Schweres mehr essen, also machte ich mir nur ein paar Cornflakes und ging schlafen. Nicht einmal dem gegrillten Huhn konnten sie Würze geben. Ich bin drauf und dran, einen kleinen Behälter mit Shito1 mitzunehmen, wenn ich zu solchen Abendessen eingeladen werde. Aber das ist unhöflich. Mit Shito schmeckt alles gut.

Wenn ich also außer Haus essen will, esse ich bei den Türken. Sie sind die echten MVPs und Lebensretter hier draußen mit ihren leckeren und würzigen Speisen.

Meine liebe Freundin, bitte nimm‘ so viel Gewürze wie möglich zu dir, bevor du hierher kommst. Ich vermisse dich und kann es kaum erwarten, dich zu sehen.

Ewig deine

Emefa.

Lexica

  1. Jollof – Mahlzeit aus Reis, Tomaten, Wasser, Zwiebeln, Paprika und anderen Zutaten, die zusammen gekocht werden. Sehr beliebt in Westafrika
  2. Shito – würzige dunkle Pfeffersauce in Ghana und kann mit fast allem gegessen werden.
  3. MVP – Most Valuable Person – Sehr wertvolle Person

HamBORGA

Liebe Kordei,

vielen Dank für die Antwort auf meinen Brief – es ist immer schön, von jemandem zu hören. Du hast erwähnt, dass du aufgehört hast, Kenkey zu essen, weil du auf Diät bist, iss nur immer gut, meine Schwester, you cannot come and kill yourself.

Da ich inzwischen bezweifle, dass mein Europatrip stattfinden wird, weil ich nur ein Jahr hierbleibe, ist das Beste, was ich tun kann, so viele Städte wie möglich zu besuchen. Also machte ich eine Reise nach Hamburg. Ich bin sicher, du hast davon gehört, vom ursprünglichen ghanaischen „Borga“- Zentrum. Und glaub mir, das ist keine Lüge.

Ich nahm einen Bus nach Hamburg, das sind anderthalb Stunden von Bremen. Die Fahrt war ruhig und ich genoss jeden einzelnen Abschnitt der Strecke. Anderthalb Stunden sind manchmal eine tägliche Arbeitswegstrecke in Accra, abhängig von der Entfernung von deinem Arbeitsplatz zu deinem Haus. So ist das Reisen ohne Schlaglöcher und Verkehr wie ein Spaziergang im Park. Meine Fahrten im Trotro haben mich darauf vorbereitet.

Zurück zur Beschreibung des „Borga“-Zentrums. Es ist eine große Stadt und das erste, was mir auffiel, war, wie geschäftig der Ort war und wie wunderschön die Architektur dort ist. In den drei Tagen, die ich jetzt dort verbracht habe, habe ich definitiv jemanden morgens, nachmittags und abends Twi sprechen hören. Gibt es hier eine ganze Mini-Ghana-Nation oder so?

Eine Sache, die ich wirklich verwirrend fand, waren die U-Bahnen. Wenn ich mich nicht mit einem Freund aus Hamburg getroffen hätte, hätte ich wahrscheinlich am Hauptbahnhof geschlafen. Du hättest mal deine verwirrte Freundin am Bahnhof sehen sollen. Aber wie immer liebe ich, wie schnell und effizient es war.

Es gab so viele Sehenswürdigkeiten in Hamburg und so viel zu unternehmen. Obwohl ich nicht alles schaffen konnte, war es wirklich toll – vom Besuch der Hafenstadt über den Elbtunnel bis hin zum Aufstieg auf den Kirchturm St. Michaelis. Es hat echt Spaß gemacht und wie immer habe ich mir gewünscht, du wärst dabei. Mir ist gerade aufgefallen, dass ich in Hamburg keinen Hamburger gegessen habe. Ich habe die Chance auf ein tolles Wortspiel verpasst! Ich muss das definitiv noch tun. Ja! Es muss unbedingt auf meine Liste.

Ich weiß, in meinem letzten Brief habe ich die Gastfreundschaft der Bremer gelobt und ich habe mich jetzt auch über Hamburg gefreut. Die Leute kamen zu mir, um mich zu fragen, ob ich an bestimmten Plätzen Hilfe bei der Orientierung brauche, was allerdings selten vorkam. Aber meine letzte Nacht in Hamburg hinterließ einen bitteren Nachgeschmack. Wir beschlossen, das Nachtleben von Hamburg zu besuchen. Nachdem wir dann eine Weile gelaufen sind und geredet hatten, hielten wir an einem coolen Club an, der quirlig und irgendwie nach unserer Szene aussah. Wir beschlossen, es zu versuchen. Der Türsteher tat das Übliche, er durchsuchte unsere Taschen und sagte, wir könnten reingehen. Und gerade als wir im Begriff waren einzutreten, tauchte ein weiterer Türsteher auf, von dem er behauptete, dass er sein Chef sei, und sagte, wir sollten gehen, und wir durften nicht hinein.

Als wir gerade gehen wollten, kam eine Gruppe von Weißen und er ließ sie herein. Eine weitere weiße Person trat hinzu und durfte auch hinein. Ich schaute in den Club und bemerkte, dass keine einzige schwarze Person sichtbar war. Wirklich!!!! Es ist 2019 möchte man laut schreien. Mein Freund aus Hamburg bat um eine Erklärung, aber der Rest von uns beruhigte ihn und beschloss, es dabei zu belassen. Wir gingen weiter zur nächsten Örtlichkeit, die sehr einladend war. Wir werden nicht zulassen, dass uns diese eine kurzsichtige Person unsere Nacht verdirbt.

Hoffentlich werde ich Dortmund besuchen und dir dann auch davon erzählen können. Ich werde die anderen Freiwilligen wiedertreffen! Ich weiß, dass ich dir nicht viel über das Einführungsseminar erzählt habe. Wie der Name schon sagt – es war eine Einführung. Die Fila wird definitiv nach meinem Besuch in Dortmund fließen.

Wie immer,

Emefa.

Lexika

  1. you cannot come and kill yourself – dies ist eine allgemeine Redewendung, wenn jemand müde oder erschöpft ist oder aufgeben will.
  2. Borga – Jargon für jemanden, der im Ausland lebt. Es kann als Verb und Substantiv verwendet werden. Ich schätze, es stammt vom deutschsprachigen Wort Bürger ab.
  3. Trotro – eins der öffentlichen Transportmittel in Ghana. Ein Kleinbus, der normalerweise überfüllt ist und wegen diverser Stopps eine Weile braucht, um dein Ziel zu erreichen.
  4. Fila – Jargon für Informationen, vor allem für Klatsch und Tratsch

Impressionen

Hallo Naa Kordei,

ich hoffe, du bist wohlauf, wenn dieser Brief dich erreicht. Es tut mir leid, dass ich nicht so oft kommunizieren konnte, wie ich dachte. Es gibt definitiv keine Entschuldigung für mein Schweigen.

Wie läuft es in Accra? Ich hoffe sehr gut. Ich bin sicher, du willst mehr über Deutschland wissen und wie es mich behandelt. Ich habe noch nicht alles von Deutschland gesehen aber das Wenige, was ich gesehen habe, hat gemischte Gefühle verursacht. Sie sind ziemlich schwer zu verarbeiten, einige davon sind glücklich, andere traurig, manche überraschend und kalt. Mein erster Eindruck war das Wetter: „Warum würden die Leute so leben wollen“ dachte ich mir, „es ist doch so kalt?“, aber dann wurde ich daran erinnert, dass mir die gleiche Frage gestellt werden könnte wegen meiner Herkunft. „Warum ist es so heiß?“

Tja, meine Liebe, von einem weiter „entwickelten Land“ zu hören und eines zu besuchen, sind zwei ganz verschiedene Dinge. Weißt du noch – wir haben die ganze Zeit von ihrer Pünktlichkeit und Effizienz gelesen und gehört, aber das Erleben ist eine ganz neue Sache, Kordei.

Manchmal wünsche ich mir, du wärst hier, damit wir diese Emotionen gemeinsam durchleben können. Ich wurde mit so viel Liebe empfangen, dass es anfangs ziemlich überraschend war. Die Deutschen haben nicht wirklich einen guten Ruf dafür, uns gegenüber gastfreundlich zu sein, aber die, die ich getroffen habe, waren fantastisch. Ich meine, sie begeistern mich ständig. Aber, lass es mich so ausdrücken: Ich lebe nur in einem kleinen Teil Bremens, und bisher war alles gut. Ich kann nicht für alle Deutschen sprechen, aber: Ein dickes Lob an die, die sich bemühen, höflich und freundlich zu sein.

Ich hoffe, ich kann dir bald mehr über meine Erfahrungen schreiben.

Mal sehen, wie mein Aufenthalt hier weitergeht…

Von deiner lieben Freundin

  Emefa

PS: Genieße immer jedes Stückchen Kenkey, das du schluckst, denn ich sehne mich hier nach nur einem winzigen Bissen.

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