Verloren in der Übersetzung

Liebe Kordei,

Ich hoffe, dieser Brief findet dich lebendig und gesund. Wie läuft deine Eventagentur? Nun, heute möchte ich dir über seltsame und stereotype Fragen schreiben, die ich immer wieder höre. Manche sind komisch und manche sind einfach nur unhöflich. Das Problem der Stereotypen gibt es überall – innerhalb ethnischer Gruppen und auf der Ebene von Nationen. Ich glaube, dass einige Leute ihre Fragen nicht als verletzend erachten, ich nenne solche Fragen „lost in translation“-Fragen. Denn bei der Übersetzung ins Englische sind diese Fragen wohl wahrscheinlich einfach nicht gut durchdacht.

Abgesehen davon, dass ich ein Opfer von Stereotypen bin, bin ich wohl auch eine Täterin mit demselben Tatbestand, aber im Leben geht es ja bekanntlich um das Lernen und Verlernen. Ich habe schon so viel gelernt. Kürzlich sprach ich mit einer Frau aus Costa Rica, die mir erzählte, dass manche Leute nur über Südamerika sprechen und Mittelamerika vergessen. Costa Rica ist ein Land in Mittelamerika und liegt nicht im Süden. Kleinigkeiten können so entscheidend sein.

Auch in Ghana stellen mir Leute stereotype Fragen oder geben bestimmte Kommentare ab. Als jemand hörte, dass ich in Deutschland sei, war der erste Kommentar, der zu hören war: „die Rassisten“. Bisher habe ich in Bremen die nettesten Menschen kennen gelernt, von der Freundlichkeit der Fremden bis zur Wärme der Arbeitskollegen und Freunde. Ich habe auch ein paar miese Menschen getroffen. Viele sind einfach nur zurückhaltend.

Nun, auf jeden Fall haben die Leute mir und anderen Freiwilligen und Freunden zuweilen sehr seltsame Fragen gestellt, manche lustig, andere kränkend. Diejenigen, die ich lustig finde, kommen von den Kindern. Ich mache ihnen keinen Vorwurf, sie sind einfach nur neugierig.

Eine Frau fragte mich einmal: „Ist es leicht, in Ihrem Heimatland reich zu sein?“ Ich glaube wirklich nicht, dass es einfach ist, irgendwo reich zu sein, oder? Wenn es so wäre, dann würden wir nicht so etwas wie die oberen Ein-Prozent (1%) haben. Ich habe nur gelächelt und „Nein.“ gesagt und sie gefragt, ob es einfach sei, in Deutschland reich zu sein. Sie lächelte und sagte: „Nein“. Wahrscheinlich wurde ihr klar, wie unsinnig ihre Frage gewesen war.

Mein togoischer Mitfreiwilliger wurde unter anderem gefragt, ob Togo ein großes Waldgebiet sei. Ein anderer wurde gefragt, ob sie dort einen Flughafen hätten. Er lachte und bejahte die Frage. Gott sei Dank wurde mir nicht die gleiche Frage gestellt. Ich wäre sarkastisch gewesen und hätte gesagt: „Nein, ich habe mich auf Bäumen von Togo nach Deutschland geschaukelt“.

In Hamburg traf ich einen Studenten, der gefragt wurde, ob er über das Mittelmeer gekommen sei. Als ob alle Afrikaner*innen nur auf diesem Weg nach Deutschland kommen würden. Diese Fragen sind verzeihlich, wenn Kinder sie stellen, aber Erwachsene mit Schulbildung! Also, bitte, wir schreiben das Jahr 2020. Nutzen Sie doch bitte manchmal einfach das Internet. Noch einmal, es ist nur ein kleiner Prozentsatz von Menschen, der so etwas erleiden muss.

Eine andere Frage, die mir oft gestellt wird, ist: „Wollen Sie zurück nach Ghana?“ Ich habe überhaupt kein Problem mit dieser Frage, aber die Reaktion einiger Leute auf meine Antwort ist die Sache. Wenn ich mit viel Begeisterung „Ja“ sage, sind einige überrascht. „Ja“, ich möchte zurückgehen, ich habe dort ein Zuhause. Ich liebe das Wetter in meinem Land und die Liebe in der Gemeinschaft. Ich vermisse meine Familie und meine beste Freundin.

Lassen Sie mich Ihnen mit diesen Fragen nicht die Stimmung verderben. Die Fragen, die mich zum Lachen bringen, werden von Kindern mit süßen Gesichtern auf dem ein ernsthafter Ausdruck liegt, gestellt. Eines der Kinder hatte mich gefragt, ob ich in Ghana oft Schlangen sehe. Da ich in Accra, der Hauptstadt lebe, sehe ich wohl eher überhaupt keine Schlangen. Ein anderes wollte wissen, ob ich meilenweit laufen müsse, um Wasser zu bekommen. Ich sagte: „Nein“. Das kleine Mädchen war etwas überrascht und erzählte mir, sie habe ein Buch, in dem stand, dass die Menschen in Afrika meilenweit laufen müssten, um Zugang zu Wasser zu haben. Ich nehme ihr das nicht übel. Die meisten Kinderbücher meines Kontinents hier sind voll von Bildern von Safaris, Wüsten und Dörfern. Ich musste ihr dann erklären, dass dieses Buch nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit widerspiegelt. Ich glaube, sie hat es nicht wirklich verstanden, weil mein Deutsch damals schrecklich war.

Eine weitere Frage, hörte ich erst kürzlich – wieder von einem lieben Kindergartenkind, einem kleinen Mädchen. Ich rieb mir die Hände mit Handcreme ein; sie sah mich an und fragte: „Warum sind deine Hände so schwarz? ‘’ Man hatte mich vorbereitet und mir gesagt, ich solle mit solchen Fragen rechnen, aber seit Monaten fragte keines der Kinder mehr. Ich brach in Gelächter aus und sagte ihr, sie solle diese Frage doch einfach ihrer Kindergärtnerin stellen. Ich fühlte mich anfangs so schlecht, weil sie traurig war, dass ich über ihre Frage gelacht hatte. Ich konnte einfach nicht anders, aber das war nicht sehr nett von mir.

Ich sagte ihr, dass mein ganzer Körper die gleiche Farbe habe und dass es eben so sei. Sie schien nicht sehr überzeugt davon zu sein, aber ich meine doch, dass ich mein Bestes versucht habe.

Nun, ich hoffe, ich werde mehr über diese Erfahrungen schreiben. Ich hoffe auch, von anderen Kulturen und Nationalitäten zu lernen und keine seltsamen oder stereotypen Fragen zu stellen.

Ich wünsche dir eine gesegnete Woche.

LG,

Ems.

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